Titelbild klassische Konditionierung

Klassische Konditionierung nach Pawlow – mit praktischen Beispielen

Klassische Konditionierung – ist das nicht dieses Experiment mit dem sabbernden Hund?

Jeder Mensch kommt in seinem Leben mit dem Konzept der klassischen Konditionierung in Kontakt – entweder bewusst oder unbewusst.

Selbst wenn du noch nie etwas davon gehört haben solltest, wird bei dir mit Sicherheit im Verlauf dieses Artikels ein “Aha!” Moment kommen. Und dann fallen dir bestimmt auch einige Beispiele ein, in denen du selbst völlig instinktiv eine Konditionierung angewandt hast.

Diese Übersicht soll dabei helfen, die Theorie der klassischen Konditionierung aus einer biologischen bzw. psychologischen Sicht zu verstehen. Hier erfährst du:

  • Was genau man unter klassischer Konditionierung versteht
  • Was es mit dem pawlowschen Hund auf sich hat
  • Wie die Mechanismen “Kontiguität”, “Generalisierung” und “Extinktion” funktionieren
  • Wo dir die Theorie im Alltag begegnet und
  • Wie du sie zu deinem Nutzen anwenden kannst

Iwan Petrowitsch Pawlow (1849-1936) war ein russischer Physiologe und Mediziner, der die Verdauung von Hunden untersuchte. Mit seinem Experiment des “Pawlowschen Hundes” legte er den Grundstein für moderne Verhaltensforschung.

Das Konzept beschreibt das Zusammenspiel von Reizen und Reaktionen beim Lernen neuer Verhaltensweisen. Die wichtigste Erkenntnis ist dabei, dass Reaktionen, die ein Lebewesen erlernt hat, durch einen Lernprozess auf verschiedene Situationen übertragen werden können.

Klassische Konditionierung Definition – Das macht sie aus

Jetzt noch einmal kurz und knapp zum mitschreiben.

Klassische Konditionierung Definition: Klassische Konditionierung ist eine behavioristische Lerntheorie, die besagt, dass eine unbedingte Reaktion (meist instinktiv vorhanden) durch Lernprozesse von einem Reiz auf einen anderen Reiz übertragen werden kann.

Um zu verstehen, wie dieser Lernprozess funktioniert, müssen wir uns erst einmal mit den wichtigsten Begriffen der Konditionierung auseinandersetzen.

Unbedingter Reiz (US=unconditioned stimulus)

Dies ist ein Stimulus, der eine natürliche, angeborene Reaktion auslöst.
Beispiel: Jemand bewegt ruckartig die Hand knapp vor dein Gesicht. Ganz automatisch musst du dabei blinzeln. Die Handbewegung ist in diesem Fall der US.

Unbedingte Reaktion (UR=unconditioned response)

Die UR ist eine Reaktion, die du nicht kontrollieren kannst, weil sie natürlich vorhanden ist.
Beispiel: Im Beispiel mit der Handbewegung ist das Blinzeln die unbedingte Reaktion. Der Lidschlussreflex ist nämlich angeboren und findet instinktiv statt.

Neutraler Reiz (NS=neutral stimulus)

Ein neutraler Reiz ist ein Stimulus, der keine Reaktion mit sich zieht.
Beispiel: Jemand, der dir gegenüber steht, klatscht in die Hände. Weil du keinen Bezug dazu hast und sich dein Körper nicht in Gefahr befindet, zeigst du keine Reaktion darauf.

Bedingter Reiz (CS=conditioned stimulus)

Ein CS ist ursprünglich ein neutraler Reiz. Durch die Kopplung mit einem anderen Reiz wird allerdings eine Reaktion auf ihn erlernt.
Beispiel: Während eine Person vor dir klatscht, bewegt jemand anders im gleichen Moment seine Hand vor dein Gesicht. Nach einigen Wiederholungen wirst du allein vom Geräusch der klatschenden Hände blinzeln müssen.

Bedingte Reaktion (CR=conditioned response)

Die CR ist die erlernte Reaktion auf den CS.
Beispiel: Das Blinzeln als Reaktion auf das Händeklatschen ist nun eine bedingte Reaktion.

Lidschlussreflex klassische Konditionierung
Der Lidschlussreflex ist eine angeborene Reaktion auf Reize, die das Auge vor externen Einflüssen schützt.

Was wird bei der klassischen Konditionierung gelernt?

Wenn du dir die Definitionen aufmerksam durchgelesen hast, solltest du jetzt eine Antwort auf diese Frage haben.

Im Prinzip wird bei der klassischen Konditionierung gelernt, eine bestimmte Reaktion an einen Reiz zu koppeln, der auf natürliche Weise keine Reaktion hervorrufen würde.

Pawlowscher Hund – Das Experiment Schritt für Schritt erklärt

Das Experiment Pawlowscher Hund war nicht nur bahnbrechend für die Erforschung klassischer Konditionierung, sondern bietet auch heute noch ein klasse Beispiel, um das Prinzip der Lerntheorie zu veranschaulichen.

Pawlow untersuchte den Speichelfluss bei Hunden und hatte zuvor festgestellt, dass die Tiere beim Geruch, aber auch beim Anblick von Futter mehr Speichel bilden.

Pawlowscher Hund Meme

Vor der Konditionierung

Das Futter ist in diesem Experiment ein unbedingter Reiz (US), welcher die unkonditionierte Reaktion (UR) Speichelfluss herbeiführt. Diese Reaktion ist bei Hunden völlig natürlich und muss nicht erst gelernt werden.

Als neutralen Reiz (NS) nutzte Pawlow einen Glockenschlag. Das Geräusch machte den Hund zwar neugierig, allerdings zeigte er keine spezifische Reaktion darauf.

Pawlowscher Hund vor Experiment

Nach der Konditionierung

In dem Experiment mit dem Pawlowschen Hund präsentierte der Versuchsleiter dem Hund im Anschluss gleichzeitig das Futter (US) und den Glockenschlag (NS). Der Hund zeigte daraufhin Speichelfluss (UR), da er auf das Futter reagierte.

Diesen Vorgang wiederholte Pawlow einige Male. Dadurch begann der Hund, den Glockenschlag innerlich mit dem Futter zu verknüpfen. Er lernte also: Wenn die Glocke klingt, bekomme ich gleich Futter.

Letztendlich musste Pawlow seinem Hund nur noch die Glocke allein präsentieren, um einen Speichelfluss hervorzurufen.

Durch das Experiment wurde also das Futter (US) mit dem Glockenschlag (NS) verknüpft. Der Speichelfluss als Reaktion auf das Futter (UR) trat dadurch auch beim Läuten der Glocke ein.

Die Glocke ist dadurch von einem neutralen Reiz (NS) zu einem bedingten Reiz (CS) geworden. Den Speichelfluss als Reaktion bezeichnet man jetzt als bedingte Reaktion (CR).

Pawlowscher Hund nach Experiment

Was wollte Pawlow beweisen?

Iwan Petrowitsch Pawlow wollte ursprünglich nur beweisen, dass sich angeborene Reflexe auch auf neue, erlernte Reiz-Reaktionen übertragen lassen.

Das Erstaunliche ist dabei, dass sich dieses Phänomen nicht nur im Training von Hunden anwenden lässt, sondern sogar auf den Menschen übertragbar ist.

Aus dieser Erkenntnis zum Speichelfluss bei Hunden wurde innerhalb kurzer Zeit ein Meilenstein geschaffen, wenn es um das Lernverhalten von Mensch und Tier geht.

Das Konzept der klassischen Konditionierung wurde mehrfach weiterentwickelt und findet auch heute noch häufig Anwendung insbesondere bei Psychologen, Tiertrainern oder sogar in der Kindererziehung und bei der Lernmotivation.

Was ist der Pawlowsche Reflex?

Aufgrund seiner bahnbrechenden Erkenntnisse wurde der damals neu entdeckte bedingte Reflex nach Pawlow benannt.

Der Pawlowsche Reflex ist demnach die konditionierte Reaktion (CR) auf einen Reiz, der vor dem Lernprozess keine Bedeutung für das Versuchsobjekt hatte. Im Beispiel mit dem pawlowschen Hund ist es also der Speichelfluss als Reaktion auf den Glockenschlag.

Kontiguität – Wie sich Reize mit Reaktionen verbinden lassen

Was genau klassische Konditionierung ist und wie sie funktioniert, weißt du jetzt.

Aber worauf muss man dabei achten? Ist es egal, wie viel Zeit zwischen der Präsentation zweier Reize vergeht? Wie kann man den Lernprozess beeinflussen?

Die Kontiguität ist ein wichtiger Faktor, der die zeitliche Komponente der Konditionierung beschreibt.

Stelle dir vor, Pawlow würde dem Hund das Futter zeigen, aber erst zwei Stunden später mit der Glocke läuten. Der Hund würde in diesem Fall keine Verbindung zwischen den beiden Reizen herstellen, weil er keine Assoziation mehr zum Glockenklang hat.

Sanduhr - Kontiguität

Die Kontiguität sagt demnach aus, dass zwei Reize zeitlich und räumlich möglichst nah beisammen sein müssen, dass eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt werden kann. Zudem muss die Präsentation der Stimuli mehrmals wiederholt werden.

Generalisierung – 3 Beispiele zum besseren Verständnis

Eine Generalisierung beschreibt in der Psychologie die Verallgemeinerung von Aussagen oder Verhaltensweisen. Damit ist das Phänomen gemeint, dass eine bestimmte Verhaltensweise in mehreren ähnlichen Situationen gezeigt wird.

Zum besseren Verständnis haben wir drei Beispiele von Generalisierung aus dem psychologischen Kontext herausgesucht:

  1. Pawlows Hund reagiert unter Umständen nicht nur auf den Glockenschlag mit Speichelfluss, sondern auch beim Klingeln einer Kuhglocke, die einen ähnlichen Ton erzeugt.
  2. Eine Person, die als Kind von einem Hund gebissen wurde, verbindet diese Erfahrung möglicherweise auch mit anderen Tieren und zeigt generell Angst gegenüber allen Hunden.
  3. Eine Person hat Angst vor dem Zahnarzt. Bei Bohrgeräuschen muss sie nun immer an einen Zahnarztbohrer denken und fühlt sich unwohl.

Das Gegenteil der Generalisierung ist übrigens die Diskriminierung von Reizen. Dabei wird ein Verhalten nur bei einem spezifischen Reiz gezeigt und nicht auf andere übertragen.

Extinktion – So kann man Konditionierung rückgängig machen

Vielleicht fragst du dich jetzt, ob man so ein gelerntes Verhalten auch wieder rückgängig machen kann und wie das funktioniert.

Unter Extinktion versteht man die Löschung oder auch das Umlernen von Verhalten.

Bei der klassischen Konditionierung funktioniert das, indem der bedingte Reiz (CS) mehrmals ohne den unbedingten Reiz (US) präsentiert wird.

Dadurch wird die Verbindung zwischen CS und US geschwächt, bis irgendwann keine bedingte Reaktion (CR) mehr stattfindet.

Bei dem Pawlowschen Hund wäre das der Fall, wenn der Hund mehrmals den Glockenklang hört, ohne dabei das Futter zu sehen. Nach einer Weile verliert der Ton seine Signalwirkung und der Hund zeigt keinen Speichelfluss mehr.

Klassische Konditionierung Beispiele aus dem Alltag

Der Pawlowsche Hund ist das Paradebeispiel für die Erklärung von Lernverhalten. Dennoch gibt es auch einige andere Klassische Konditionierung Beispiele, die dir vielleicht auch aus deinem Alltag bekannt sind.

Beispiel 1: gute Stimmung beim Eis essen
US ist ein warmer Sommertag am Strand. Deine UR darauf ist gute Laune und Freude. Nun stell dir vor, dass deine Eltern dir jedes mal, wenn ihr an den Strand fahrt, ein Eis kaufen. Das Eis wird vom NS zum CS und du zeigst Freude als CR darauf.

Frau isst Eis - klassische Konditionierung Beispiel

Beispiel 2: Lernen von Ekel
Hast du dich schon einmal gefragt, warum kleine Kinder keinen Ekel verspüren? Ganz einfach- sie haben es noch nicht gelernt.

Ekel kann beispielsweise als konditionierte Reaktion auf verdorbenes Essen entstehen. Der unbedingte Reiz, der damit gekoppelt wurde, kann zum Beispiel das “Iiiiih!” der Mutter des Kindes oder auch unangenehmer Geruch oder Geschmack sein, der dann als UR Ekel hervorruft.

Welche Arten von Konditionierung gibt es?

Neben der klassischen Konditionierung gibt es auch noch andere Arten, das Lernverhalten zu beeinflussen.

Der bekannteste Vertreter ist wahrscheinlich die operante Konditionierung. Das Lernprinzip ist hierbei dem der klassischen Konditionierung sehr ähnlich. Allerdings wird hier verstärkt mit Konsequenzen, wie Belohnungen oder Bestrafungen gearbeitet.

Neben diesen zwei Arten der Konditionierung ist auch das Modellernen nach der Theorie von Bandura von großer Bedeutung in der Verhaltenspsychologie. Hierbei werden Verhaltensweisen anhand von Modellen oder Vorbildern veranschaulicht.

Die Lernmethode des Kognitivismus beschäftigt sich hingegen mit komplexen kognitiven Prozessen der Informationsverarbeitung, durch die neue Inhalte gelernt werden sollen.

Klassisches Konditionieren – So kann man das Prinzip praktisch anwenden

Zum Schluss möchten wir dir noch ein paar praktische Tipps mit auf den Weg geben, mit denen du klassisches Konditionieren in deinen Alltag einbringen kannst.

Beruhige deinen Hund!

Dieses Beispiel richtet sich an alle Tierbesitzer, die ihren Hunden, Katzen oder auch Meerschweinchen etwas neues beibringen wollen. Versuche doch mal, dein Tier zu streicheln oder es mit Musik zu beruhigen. Gleichzeitig wiederholst du Worte wie “ruhig” oder “Relax”.

Nach einer Weile wird dein Haustier den Begriff mit beruhigenden Streicheleinheiten verbinden und sich von ganz alleine entspannen.

Gehe Joggen!

Viele Jogger assoziieren die sportliche Betätigung mit frischer Luft, Sonne und schönen Landschaften. Das ist eine super Möglichkeit, dem Sport eine positive Reaktion hinzuzufügen und deine Motivation zu erhöhen.

Stelle dich deinen Ängsten!

Wie du gelernt hast, können konditionierte Reaktionen auch rückgängig gemacht werden. Hast du beispielsweise Angst vor Spinnen, versuche doch mal, dich in einer entspannten und sicheren Umgebung dich den harmlosen Tieren zu nähern.

Wenn du erstmal siehst, dass keine Gefahr von ihnen ausgeht, kann deine Angst mit der Zeit “gelöscht” werden.

Iss Schokolade vor dem Unterricht!

Wenn du ein Schulfach nicht magst, dann nimm dir an dem Tag deinen Lieblings-Schokoriegel mit! Esse diesen dann beispielsweise immer kurz vor Beginn des Mathe-Unterrichts. Nach einiger Zeit wirst du dich auf den Matheunterricht freuen, weil du den leckeren Geschmack der Schokolade damit verbindest.

Haben dir unsere Tipps gefallen? Erzähle uns doch mal von einem Beispiel der Konditionierung, das du aus deinem Alltag kennst in den Kommentaren!

Fragen zum Thema und weitere Anregungen sind natürlich auch immer willkommen.

Kennst du schon unsere Ratgeber zu Bedürfnis, Bedarf und Nachfrage, zur sozialen Marktwirtschaft, zu den besten Zeitmanagement Apps sowie zum Verfassen deines Exposés für die Bachelorarbeit?

1 Kommentar zu „Klassische Konditionierung nach Pawlow – mit praktischen Beispielen“

  1. Lisa Heim- Neumann

    Ich bin Jahrgang 55. 1959 kam ich in den Kindergarten. Damals war es u.a. üblich, lebhafte Kinder (und ich betone: lebhaft und nicht verhaltensauffällig) in dunkle Kisten zu sperren, wenn sie eine andere Meinung hatten, als die Erzieherin. Ich wurde häufiger eingesperrt. Erst gut 50 Jahre später habe ich bei einem Versuch der Durchführung eines MRT’s an mir festgestellt, dass ich extrem klaustrophobisch bin und nur in eine offene Röhre oder durch Aufsetzen eines Spiegels und das dadurch vorgetäuschte räumliche Sehen in eine “normale Röhre kann.
    Nach wie vor ist jede Untersuchung geradezu der Horror für mich und ich nehme eine vertraute Person mit, die mir die Hand hält.
    Gern würde ich gegen dieses Gefühl angehen können.

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