Mutter und Tochter halten sich lachend an den Händen als Symbol für Bindungstypen.

Bindungstypen – Bowlby, Ainsworth und Einfluss auf Beziehungen

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Bindungstypen beschreiben, wie wir Beziehungen zu einer engen Bezugsperson aufgebaut haben. Sie entstehen im Kindesalter und wirken sich bis ins Erwachsenenalter aus.

Dieser Beitrag soll dir dabei helfen festzustellen, zu welchem Bindungstyp dein Kind gehört, wie dein Erziehungsstil dessen Bindungstyp beeinflusst hat und sich dieser im Erwachsenenalter zeigt.

Bleib dran, denn es wird spannend!

Unter Bindung versteht man die andauernde emotionale Beziehung zwischen einem Kind und ihrer Bezugsperson, z.B. die Mutter oder der Vater.

John Bowlby gilt als Erster, der sich mit der Bindungstheorie beschäftigt hat. Nach der Bindungstheorie von Bowlby prägt die emotionale Bindung zwischen einem Kind und ihrer Bezugsperson in den ersten Lebensmonaten die weitere Entwicklung des Kindes.

Grund dafür ist, dass sich insbesondere zu dieser Zeit ein tiefes Vertrauen in die Bezugsperson entwickelt, das auch als Urvertrauen bezeichnet wird.

Mutter fährt mit Sohn Bobby Car und lacht als Symbol für die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind.

Damit das Kind ihrer Bezugsperson vertrauen kann, muss sie das Gefühl haben, dass ihre Grundbedürfnisse berücksichtigt werden, denn als Baby können sie sich nicht um sich selbst kümmern.

Mary Ainsworth hat die Bindungstheorie in einem Experiment praktisch getestet. Diesen Test bezeichnete sie als Fremde-Situation-Test. Heute gilt dies als Standardverfahren, um die Bindung zwischen einem Kind und seiner Bezugsperson einzuschätzen.

Kinder im Alter von 11 bis 18 Monaten wurden mit ihrer Bindungsperson und einer fremden Person zusammen in einem Raum beobachtet.

Danach musste die Bindungsperson den Raum verlassen und nach einiger Zeit zurückkehren. Währenddessen wurde das Verhalten des Kindes aufgezeichnet.

Ein Baby liegt schlafend zwischen Mutter und Vater als Bindungspersonen.

4 Bindungstypen

Bindungs- und Explorationsverhalten

Sohn erkundet mit dem Vater eine neue Situation zur Veranschaulichung von Bindungs- und Explorationsverhalten.

Aus Bowlbys Theories und Ainsworths Experimenten haben sich 4 Bindungstypen ergeben, die sich anhand des Bindungsverhaltens und Explorationsverhaltens unterscheiden lassen.

Das Bindungsverhalten gibt die Stärke der Bindung wieder. Je stärker die Bindung ist, desto schwieriger fällt es dem Kind, sich in eine neue Umgebung anzupassen.

Umgekehrt zeigt das Kind ein hohes Explorationsverhalten, wenn es sich leicht an neue Situationen anpassen kann.

In den ersten Lebensmonaten kann ein Baby seine Gefühle lediglich durch Weinen und Schreien ausdrücken. Die Art und Weise, wie eine Bezugsperson darauf reagiert, lässt sich später in eine der 4 Bindungstypen unterteilen.

Idealerweise gilt die Bezugsperson als “sicherer Hafen”, zu dem sie immer zurückkehren können, um ihre neuen Erlebnisse zu verarbeiten.

Bindungstyp A: Unsicher-vermeidende Bindung

Unsicher-vermeidende Bindung, dargestellt durch eine Mutter, die sich fragt warum die Tochter nicht mit ihr redet, während die Tocher wegschaut.

Unsicher-vermeidende gebundene Kinder zeigen während des Experiments Gleichgültigkeit, als ihre Mutter den Raum verlassen hat. Sie spielen währenddessen einfach weiter und kommen mit der fremden Person zurecht.

Äußerlich wirken diese Kinder selbstbewusst, ruhig und selbständig. Innerlich fühlen sie sich jedoch aufgewühlt von der Abwesenheit ihrer Mutter. Selbst bei der Rückkehr ihrer Mutter vermeiden sie Körperkontakt.

Solche Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Bezugsperson sich normalerweise nicht verlässlich um ihre Bedürfnisse kümmert.

Sie suchen keine Zuflucht bei ihr und vermeiden es Verunsicherung zu zeigen, um weitere schmerzhafte Erfahrungen zu vermeiden.

Die Folge ist häufig ein geringes Selbstbewusstsein, weil sie das Gefühl haben, eine Belastung für andere zu sein.

Ausrufezeichen zur Betonung der Ursachen der unsicher-vermeidenden Bindung.

Eine unsicher-vermeidende Bindung kann durch einen permissiven Erziehungsstil entstehen, die durch eine passive Haltung der Eltern gegenüber dem Kind und fehlenden Kontrolle gekennzeichnet ist.

Eine Extremform dieses Erziehungsstils ist der Laissez-Faire Erziehungsstil. Im Vergleich zum permissiven Erziehungsstil gibt es hier keinen kleinen Umfang an Regeln.

Bindungstyp B: Sichere Bindung

Mann trägt Sohn mit Flügeln aus Pappe auf seinen Schultern als Zeichen ihrer sicheren Bindung.

Während des Experiments fangen Kinder an zu schreien oder zu weinen, wenn ihre Mutter den Raum verlässt. Sie spielen zu dieser Zeit auch nicht und beachten die fremde Person nicht. Bei der Rückkehr ihrer Mutter sind sie beruhigt und können sich erst dann wieder dem Spielen zuwenden.

Bindungs- und Explorationsverhalten sind also in Balance.

Sicher gebundene Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass jederzeit ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden. Aus diesem Grund sehen sie ihre Bezugsperson als einen “sicheren Hafen”.

Diese Kinder vertrauen ihrer Bezugsperson, haben keine Angst, ihre Gefühle auszudrücken und erkunden ihre Umwelt. Dadurch entwickeln die Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein.

Ausrufezeichen lenkt Aufmerksamkeit auf die Entstehung der sicheren Bindung.

Eine sichere Bindung kann durch einen autoritativen Erziehungsstil begünstigt werden, bei dem eine Balance zwischen klaren Regeln und das Gewähren von Freiräumen besteht.

Bindungstyp C: Unsicher-ambivalente Bindung

Unsicher-ambivalente Bindung, symbolisiert durch ein schreiendes Baby und eine daneben liegende schlafende Mutter.

Wenn die Mutter von unsicher-ambivalent gebundenen Kindern während des Experiments den Raum verlassen, versuchen die Kinder diese aufzuhalten. Die Trennung macht sie extrem ängstlich und passiv.

Dies zeigt sich daran, dass sie weinen und versuchen, sich nicht mehr zu bewegen. Selbst wenn die Mutter wieder da ist, fällt es den Kindern schwer, sich wieder zu beruhigen und von ihr zu lösen.

Die Bezugsperson zeigt selbst ein widersprüchliches Verhalten, weil es mal auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und mal nicht. Die Folge ist, dass das Kind sowohl gegenüber einer neuen Situation, als auch gegenüber ihrer Bezugsperson verunsichert ist.

Bindungstyp D: Unsicher-desorganisierte Bindung

Eltern und Tochter sitzen auf einer Couch und streiten als Beispiel für eine unsicher-desorganisierte Bindung.

Bei unsicher-desorganisiert gebundenen Kindern zeigt sich ein sehr widerspruchsvolles Verhalten während des Experiments. Sowohl das Verlassen des Raumes der Mutter als auch ihre Rückkehr überwältigt sie.

Dies zeigt sich in Form von Gemütsschwankungen, Aggression oder Gefühlsarmut. Sie können sich nicht mit Spielen beschäftigen und beachten die fremde Person nicht.

Kinder dieses Typs lassen sich nicht eindeutig einem Bindungstyp zuordnen.

Möglich ist es, dass sich schon in den ersten Lebensmonaten der Kinder traumatische Ereignisse zugetragen haben, die mit der Bezugsperson zu tun haben.

Die Bezugsperson wird also nicht nur als Quelle der Sicherheit, sondern auch als Quelle der Furcht betrachtet. Die Kinder entwickeln ein geringes Selbstvertrauen und können auch anderen nur schwer vertrauen.

Wenn das Kind diese traumatischen Erfahrungen nicht verarbeitet, könnten psychische Erkrankungen wie Depressionen und Sucht die Folge sein. In diesem Fall sollte dringend psychologische Hilfe für das Kind aufgesucht werden.

Bindungstypen Tabelle

Vermeidend

Sicher

Ambivalent

Desorganisiert

Explorationsverhalten ist stärker als das Bindungsverhalten

Explorations- und Bindungsverhalten sind im Gleichgewicht

Geringes Explorationsverhalten und unsicheres Bindungsverhalten

Inkonsistentes Explorationsverhalten und widersprüchliches Bindungsverhalten

Kind ist äußerlich ruhig, innerlich unruhig bei einer Trennung von der Bezugsperson

Bei einer Trennung von der Bezugsperson ist das Kind aufgelöst und bei ihrer Rückkehr fröhlich.

Kind möchte eine Trennung von der Bezugsperson vermeiden

Das Verhalten des Kindes ist widersprüchlich nach einer Trennung.

Bezugsperson kümmert sich nicht ausreichend um das Kind

Vermittlung von emotionaler Stabilität durch die Bezugsperson

Bezugsperson zeigt dem Kind gegenüber ein widersprüchliches Verhalten.

Womöglich haben die Kinder ein Trauma in Verbindung mit der Bezugsperson erlebt

Gefühle behält das Kind für sich

Bezugsperson wird als sicheren Hafen gesehen

Unsicherheit gegenüber der Bezugsperson und neuen Situationen

Zuordnung zu einem Bindungstyp nicht möglich

negatives Selbstbild

 positives Selbstbild

negatives Selbstbild

Evtl. psychische Probleme und negatives Selbstbild

Bindungstypen im Erwachsenenalter

Eine ältere und eine jüngere Frau unterhalten sich und sind sich dabei körperlich nah.

Die Bindung zwischen dem Kind und der Bezugsperson in den ersten Lebensjahren hat Auswirkungen auf das Erwachsenenalter, insbesondere die psychische und physische Gesundheit und zwischenmenschliche Beziehungen.

Die frühkindliche Bindung beeinflusst unser Selbstbild und das Bild, das wir von anderen Personen haben, tief in unserem Unterbewusstsein.

Im Folgenden stelle ich dir die Ausprägungen der Bindungstypen im Erwachsenenalter vor.

Ängstlich-vermeidende Bindung

  • Sehen sowohl sich, als auch andere in einem schlechten Licht
  • Enge Beziehungen werden aus Angst vor Trennungen vermieden
  • Anfängliches Interesse ändert sich schnell in Desinteresse
  • Ihr “Heiß-Kalt-Verhalten” kann zu Beziehungsdramen führen

Anklammernde Bindung

  • Negatives Bild von sich selbst, positives Bild von anderen
  • Suchen ständig nach Aufmerksamkeit von anderen
  • Achten mehr auf die Bedürfnisse der anderen, als ihre eigenen
  • Sehen sich selbst nicht als liebenswürdig und glauben nicht von anderen wirklich geliebt zu werden
  • Bei Zurückweisung strengen sie sich noch mehr an

Sichere Bindung

  • Positives Bild von sich und anderen
  • Können leicht Vertrauen in andere fassen und Beziehungen zu anderen aufbauen
  • Trennungen machen ihnen kaum Angst
  • selbständig und durchsetzungsfähig

Abweisende Bindung

  • Positives Bild von sich selbst, aber ein schlechtes Bild von anderen
  • Vermeiden die Nähe anderer, indem sie sich als unabhängig von anderen zeigen
  • Trennungen sind nicht angstauslösend, da diese erwartet werden
  • Fehlende Strukturen im Leben und Verwicklung in dramatische Situationen

Fazit

Frau wirbelt Kind durch die Luft als Darstellung ihrer Bindung.

Wie du gelernt hast, gibt es nur einen sicheren Bindungstyp und drei unsichere Bindungstypen.

Für eine sichere Bindung ist es maßgeblich, dass du immer versuchst, auf die emotionalen und körperlichen Bedürfnisse deines Kindes einzugehen.

Wenn das Kind in den ersten Lebensmonaten vernachlässigt wurde, können die negativen Folgen bis ins Erwachsenenalter anhalten.

Letztendlich wollen wir alle, dass unsere Kinder uns als sicheren Hafen betrachten.

FAQ

Welche 4 Bindungstypen gibt es?

Nach Bowlby und Ainsworth gibt es die 4 Bindungstypen unsicher-vermeidende Bindung (Typ A), sichere Bindung (Typ B), unsicher-ambivalente Bindung (Typ C) und unsicher-desorganisierte Bindung (Typ D).

Wie erkennt man unsichere Bindung?

Eine unsichere Bindung erkennt man daran, dass das Kind entweder unbeeindruckt von der Abwesenheit ihrer Mutter ist (unsicher-vermeidend), extrem an ihr klammert (unsicher-ambivalent) oder ein unbeständiges Verhalten (unsicher-desorganisiert) zeigt.

Was ist ein ängstlicher Bindungstyp?

Ein ängstlicher bzw. anklammernder Bindungstyp hat ein negatives Selbstbild und ein positives Bild von anderen.
Diese Personen suchen ständig nach Bestätigung bei ihrem Partner oder ihrer Partnerin und wenn sie diese nicht bekommt, strengen sie sich noch mehr an.

Wir hoffen, dass dieser Beitrag dir dabei helfen konnte, mithilfe der Einteilung in Bindungstypen das Verhalten ihres Kindes dir gegenüber besser nachzuvollziehen. Wir würden uns sehr über einen Kommentar und einige Sterne freuen 🙂
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