Deutungshypothese formulieren

Deutungshypothese schreiben in 3 simplen Schritten

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Bei Analysen wird oft verlangt, dass man anfangs eine Deutungshypothese formuliert.

Aber was genau ist eigentlich eine Deutungshypothese und wie formuliert man sie richtig?

Antworten auf diese Fragen findest du in diesem Artikel.

Eine Deutungshypothese ist eine erste Vermutung darüber, was ein Text aussagen oder vermitteln möchte.

Sie beantwortet also die Frage: „Was möchte der Autor mit diesem Text zeigen oder ausdrücken?”

In der Einleitung deiner Analyse stellst du deine Deutungshypothese vor. Im Hauptteil untersuchst du den Text nutzt Zitate und Textbelege, um diese Hypothese zu beweisen.

Wie schreibt man eine Deutungshypothese? Schritt-für-Schritt-Anleitung

Eine Deutungshypothese kannst du ganz einfach in drei Schritten verfassen:

Schritt 1)

  • Bevor du eine Deutungshypothese aufstellst, musst du den Text genau durchlesen und auf Besonderheiten achten, die dir auffallen.
  • Mache dir zum Beispiel Gedanken über die Atmosphäre des Textes. Ist sie vielleicht melancholisch, düster, feierlich, ironisch, etc.?
  • Fallen dir Symbole oder Metaphern im Text auf? Gibt es Wörter oder Ausdrücke, die immer wieder auftauchen?
  • In welchem Verhältnis stehen die Figuren zueinander? Gibt es innere Konflikte?
  • Aus welcher Epoche stammt der Text?

Schritt 2)

Im zweiten Schritt musst du die Kernfrage beantworten.

Frage dich selbst: „Was will der Autor mit diesem Text eigentlich ausdrücken?“ oder „Welches gesellschaftliche, psychologische oder menschliche Problem wird hier dargestellt?“

Schritt 3)

Nun hast du alles, was du brauchst, um deine Deutungshypothese zu formulieren.

Du kannst die Hypothese mithilfe von folgenden Formulierungen aufstellen:

„Die Kernaussage des Textes ist, dass…”

„Der Text verdeutlicht, dass…”

Deutungshypothese Anleitung

Beispiel für eine gute Deutungshypothese: „Mondnacht”

Mondnacht

Schauen wir uns das Gedicht „Mondnacht” von Joseph Eichendorff an:

Gedicht „Mondnacht"

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(1837)

Gehen wir nun die drei Schritte gemeinsam durch:

Schritt 1)

Atmosphäre: extrem friedlich, still, traumartig

Form und Rhytmus: drei Strophen mit je vier Versen,
sehr regelmäßiger, sanft fließender Rhythmus, der die Harmonie der Nacht widerspiegelt.

Sprachliche Bilder: Der Himmel „küsst“ die Erde (V.1-2), die Ähren „wogten sacht” (V.6)

Epoche der Romantik: Sehnsucht nach Ferne und Freiheit, Naturverbundenheit, Flucht aus der Realität

Schritt 2)

„Was will der Autor mit diesem Gedicht eigentlich ausdrücken?“

  • Sehnsucht nach Einheit von Himmel und Erde
  • Wunsch nach Einheit von göttlicher und irdischer Welt

Schritt 3)

Deutungshypothese:

Das Gedicht „Mondnacht” thematisiert die tiefe Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einer mystischen Einheit von Mensch, Gott und Natur.

Deutungshypothese für ein Gedicht aufstellen Beispiel: „Weltende”

Weltende

Schauen wir uns nun das Gedicht „Weltende” von Jakob van Hoddis an:

Gedicht „Weltende"

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

(1911)

Nun zu den drei Schritten der Deutungshypothese:

Schritt 1)

Atmosphäre: chaotisch, ironisch (teilweise absurde und humorvolle Darstellung der Apokalypse)

Form und Rhythmus: abgehackte, unverbundene Verse

Sprachliche Bilder: Hüte fliegen von Köpfen der Bürger (V.1), Eisenbahnen fallen von den Brücken (V.8), Wechsel zwischen katastrophalen und banalen Szenen

Epoche des Expressionismus: Großstadt, Angst, Gesellschaftskritik, starke Gefühle statt Realität, Krieg und Tod

Schritt 2)

„Was will der Autor mit diesem Gedicht eigentlich ausdrücken?“
„Welches gesellschaftliche Problem wird hier dargestellt?“

  • drohende Apokalypse
  • Gesellschaft ist abgestumpft und gleichgültig
  • Untergangsängste im frühen 20. Jahrhundert

Schritt 3)

Deutungshypothese:

Das Gedicht „Weltuntergang” thematisiert die Krisenstimmung des frühen 20. Jahrhunderts und kritisiert durch die ironisierte Darstellung des Weltuntergangs die emotionale Abstumpfung und Entfremdung des Bürgertums.

Deutungshypothese formulieren: Beispiel „Die Verwandlung”

Die Verwandlung

Schauen wir uns nun die Erzählung „Die Verwandlung” von Franz Kafka an.

Inhaltsangabe „Die Verwandlung"

Gregor Samsa wacht eines morgens auf und stellt fest, dass er sich in einen riesigen Käfer verwandelt hat. Seine Familie ist schockiert. Gregor kann nicht mehr arbeiten und finanziell für seine Familie sorgen.

Seine Schwester Grete kümmert sich anfangs um ihm und bringt ihm Essen. Mit der Zeit wird Gregor für seine Familie immer mehr zur Belastung und zunehmend ausgegrenzt.

Aufgrund der Ablehnung durch seine Familie zieht sich Gregor immer weiter zurück.

Schließlich stirbt Gregor, woraufhin seine Familie erleichtert ist und hoffnungsvoll in die Zukunft blickt.

Jetzt gehen wir die drei Schritte durch, um eine Deutungshypothese zu finden:

Schritt 1)

Symbole und Metaphern:

Das Ungeziefer: Steht für Gregors Selbstentfremdung und Minderwertigkeitskomplex.

Die Türen: Die verschlossene Tür des Zimmers steht für Gregors Isolation.

Die Geige: Symbolisiert die Kunst, Menschlichkeit und die Sehnsucht nach Liebe.

Beziehungen der Figuren:

vor der Verwandlung:
Gregor arbeitet als Handelsreisender und versorgt seine Familie finanziell. Er empfindet seinen Beruf als anstrengend und belastend.

Gregor und der Vater:
Nach der Verwandlung begegnet sein Vater Gregor mit Gewalt. Er jagt ihn zurück ins Zimmer und bewirft ihn mit Äpfeln.

Gregor und die Mutter:
Die Mutter ist hin- und hergerissen zwischen mütterlicher Liebe und physischem Ekel.

Sie schafft es nicht, Gregor in seiner neuen Gestalt zu akzeptieren, und fällt bei seinem Anblick in Ohnmacht.

Gregor und die Schwester (Grete):
Grete übernimmt zunächst freiwillig Gregors Pflege. Im Laufe der Erzählung wandelt sich das Verhältnis jedoch dramatisch.

Am Ende möchte auch Grete Gregor loswerden und erkennt ihn nicht mehr als ihren Bruder an.

Gregors innerer Konflikt:
Er versucht, seine Menschlichkeit zu bewahren, merkt aber, wie er sie Stück für Stück verliert.

Schritt 2)

„Was will der Autor mit dieser Geschichte eigentlich ausdrücken?“
„Welches gesellschaftliche, psychologische oder menschliche Problem wird hier dargestellt?“

  • Leistungsdruck im Kapitalismus und Reduzierung des Menschen auf seine ökonomische Produktivität
  • soziale Entfremdung und Entmenschlichung
  • Burnout
  • Brüchigkeit von familiärer Liebe

Schritt 3)

Deutungshypothese:

„Die Verwandlung” kritisiert eine Gesellschaft, die den Menschen auf seinen ökonomischen Nutzen reduziert und ihn entmenschlicht, wenn er diesem Leistungsstandard nicht mehr entspricht.

Hilfreiche Formulierungen für Deutungshypothesen

Hier findest du Formulierungen, die du für deine Deutungshypothese benutzen kannst:

  • „Die Kernaussage des Textes ist, dass…”
  • „Der Text verdeutlicht, dass…”
  • „Der Text kritisiert, dass…”
  • „Der Text behandelt den Konflikt zwischen … und ….”

Häufig gestellte Fragen

Was ist mit einer Deutungshypothese gemeint?

Eine Deutungshypothese ist eine erste Vermutung über die Kernaussage eines Textes.
Sie beantwortet die Frage, was der Autor mit dem Text aussagen möchte.

Was ist der Unterschied zwischen einem Thema und einer Deutungshypothese?

Das Thema ist der Gegenstand, um den es in einem Text geht und besteht meistens aus ein bis zwei Wörtern (z.B. Einsamkeit, Entmenschlichung, Familienkonflikt, Sehnsucht).

Eine Deutungshypothese ist eine Vermutung darüber, was der Autor mit dem Text beabsichtigt oder was die Kernaussage des Textes ist.

Wie stelle ich eine Deutungshypothese auf?

Bevor du deine Deutungshypothese aufstellst, musst du den Text aufmerksam lesen und dir Gedanken über die sprachlichen und inhaltlichen Besonderheiten machen.

Danach setzt du dich mit der Frage auseinander, was der Autor eigentlich mit dem Text aussagen möchte.

Anschließend erstellst du deine Deutungshypothese mit Hilfe von Formulierungen wie „Der Text verdeutlicht, dass…” oder „Die Kernaussage des Textes ist, dass…”.

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